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Gustav
Henkel
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1934
hielt Gustav Henkel, der Erbauer der Herkulesbahn, auf einer
Mitgliederversammlung des VDI in Kassel einen Vortrag, der
einen tiefen Einblick sowohl in das berufliche Wirken eines
Pioniers der Elektrotechnik, als auch in dessen Persönlichkeit
gewährt. Er gehört ohne Zweifel zu den bedeutendsten
und schillerndsten Unternehmerpersönlichkeiten, die
Kassel hervorgebracht und die Technikgeschichte unserer
Stadt geprägt hat. Der Text seines Vortrags ist hier
im Original wiedergegeben.
Über 40 Jahre gehörte Gustav Henkel dem hessischen
Bezirksverein des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) an.
Von 1912 bis 1917 war er dessen Vorsitzender und gehörte
dem Vorstandsrat und Wahlausschuss des rund 26.000 Mitglieder
zählenden Hauptvereins mit Sitz in Berlin an.
In seinen Ausführungen geht er auch auf die Herkulesbahn
ein.
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Selbsterlebtes
aus der Entwicklung der Elektrotechnik
Vortrag
unseres Ehrenmitgliedes, des Herrn Direktor G. Henkel VDI, am
6. Februar 1934
Das lebhafte
Interesse, welches die 1 ½ stündigen Ausführungen
des Herrn Dir. Henkel
fanden, die einen Geschichtsabschnitt der Elektrizitätswirtschaft
unseres Bezirks zeichneten,
veranlaßt uns zu einer stellenweise wörtlichen Wiedergabe
seiner Ausführungen.
Meine Herren.
Erwarten sie von mir keinen formvollendeten Vortrag, keine vollständige
Schilderung von der Entwicklung unserer Elektrizitätswirtschaft,
nur einige Erinnerungsbilder sind es, die in dem Gedächtnis
eines Veterans der Technik noch haften geblieben sind. Ich bitte
im voraus um Nachsicht, wenn ich einige persönliche Erlebnisse
einflechte, die mit unserem Thema nur indirekt zusammenhängen.
Ich glaube,
Ihnen zunächst noch einige Erklärungen schuldig zu sein,
wieso ich dazu komme, als früherer Dampfmaschinen- und Hebezeugbauer,
als welchen man mich aus meiner Beck & Henkel - Zeit wohl
noch kennt, mich auch diesem Gebiet zuzuwenden, mit anderen Worten,
"wie Saul unter die Propheten kommt". Bin ich doch von
Haus aus kein Elektrotechniker. - Nun, das sind wie Alten, die
auf diesem Gebiet etwas geleistet haben, ja alle nicht, wir sind
also hier Autodidakten. Man darf nicht vergessen, daß der
erste Lehrstuhl für Elektrotechnik erst im Jahre 1882 auf
einer deutschen Hochschule errichtet wurde. Mit einer gewissen
technischen, vor allen Dingen physikalischen Allgemeinbildung
mußten wir an die Sache herangehen. Daß auch mich
die Wunder der Starkstromtechnik in ihren Anfängen mächtig
anzogen, werden Sie verstehen, wenn ich Ihnen mitteile, daß
ich mich bereits in meiner frühesten Jugend mit technischen
Dingen beschäftigte.
Einem alten Niedersächsischen Müllergeschlecht entstammend,
das seit dem Mittelalter an der Weser seßhaft, war für
mich väterliche Reparaturwerkstatt einer Mahl- und Oelmühlen-
anlage mit Turbinenbetrieb das, was anderen Kindern der Spielplatz
war. Da wurde nicht nur in spielerischer Weise gebastelt, sondern
auch praktische Reparaturen vorgenommen, soweit die Kraft der
Kinderhände hierzu ausreichte. Dieser Umstand und schwere
Schicksalsschläge im Elternhause, Wasser- und Feuerkatastrophen,
führten mich einerseits zu einer Frühreife auf technischem
Gebiete und andererseits zu einer ernsten Lebensauffassung und
zu frühzeitigem selbständigen Denken. Dies nur zur Aufklärung
für meine Vorliebe oder, wenn Sie wollen, für meinen
"Fimmel" für alle technischen Neuerungen und Fortschritte,
auf die ich mich mit einem wahren Feuereifer stürzte, so
auch auf die Starkstromtechnik.
Die im Jahre
1878 auf Grund von Patenten auf dem Gebiete des Dampfmaschinenbaues
bzw. des Transportwesens und später der Hebezeuge gegründete
Firma Beck & Henkel hatte schon in den 80er Jahren des vorigen
Jahrhunderts, also lange bevor man städtischerseits glaubte,
mit einer mehr als bescheidenen Kraft die Stromversorgung Kassels
von der Neuen Mühle aus bewirken zu können. Gelegenheit,
sich auch auf dem Gebiet der elektrischen Stromerzeugung und Beleuchtung
zu betätigen. Sie zeigte der Kasseler Bevölkerung anläßlich
eines Musikfestes, für das die Militärbehörde ihre
Reithalle zur Verfügung gestellt hatte, zum erstenmal eine
Großraumbeleuchtung durch Bogenlicht. Bedenkt man, daß
für die wenigen Benutzungstage eine Stromerzeugungseinrichtung
aufgestellt werden mußte, so kann man ermessen, welche Opfer
gebracht wurden, um diese "Wunderbeleuchtung", die natürlich
einen großen Anziehungspunkt für das Fest bildete,
vorzuführen. Dann erhielt die Firma Aufträge für
elektrische Beleuchtung eines neuen Militärlazaretts und
seitens der Intendantur des Hoftheaters für Bühnenbeleuchtung,
sie führte gleichzeitig im eigenen Betriebe Bogen- und Glühlichtbeleuchtung
durch, zu einer Zeit, wo der Marktpreis einer 16 kerzigen Glühlampe
5 Mark betrug und der Stromverbrauch p. K. das Siebenfache der
heutigen Metallfadenlampe. -
Als Beck &
Henkel 1890 für die neuen Hamburger Hafenanlagen über
60 große Portalkräne mit Zentral-Dampfanlage unter
kurzer Lieferfrist in Auftrag erhielt, brach die Cholera im Hafen
von Antwerpen aus, wodurch der Hamburger Hafen überlastet
wurde. Nun wurde an Beck & Henkel das Ansinnen gestellt, die
an und für sich schon zu kurz bemessene Lieferzeit gegen
eine Sondervergütung um einen Monat zu verkürzen. Die
Aufgabe wurde gelöst durch höchste Anspannung aller
Kräfte und durch Tag- und Nachtarbeit auch an der 1 km langen
Montagestelle, die durch eine ambulante Bogenlichtbeleuchtung
taghelles Licht erhielt. Die Prämie ist restlos an die Belegschaft
verteilt worden.
Im Jahre 1892
nahm ich dann die Elektrifizierung der westlichen Vororte Kassels
in Angriff. Ich hatte mich 2 Jahre zuvor aus Gesundheitsrücksichten
in Wilhelmshöhe angebaut und mochte das elektrische Licht,
an welches ich mich nun schon in der Fabrik gewöhnt hatte,
in meinem neuen Hause nicht missen, zumal dann auch wenigstens
der dunkle Weg zur Dampfstraßen-
bahn, jetzt Linie 1, elektrisch beleuchtet werden konnte. Dringende
Bitten aus Siedlerkreisen veranlaßten mich, den ursprünglichen
Plan der Aufstellung einer kleinen Motoranlage für die Stromerzeugung
zu einer Zentrale für das ganze Wilhelmshöher Gebiet
auszudehnen. Entscheidend für diesen Entschluß war
der Umstand , daß ich 1891 die 8 monatelangen Versuche mit
der ersten Schmidt'schen Heißdampfmaschine für 350
Grad durchgeführt hatte.
Durch den Bau eines der öffentlichen Stromversorgung dienenden
Kraftverkehrs, dessen Betrieb durch hochüberhitzten Dampf
erfolgte, wollte ich meiner Zuversicht zu diesem bedeutsamen Fortschritt
Ausdruck geben und gleichzeitig Betriebserfahrungen sammeln an
einer Anlage, die ich ständig beobachten konnte. Bei der
Planung der Zentrale schwebte mir als Ziel vor, eine wärmewirtschaftlich
vorbildliche Anlage zu schaffen: Halber Dampfverbrauch durch Heißdampf
und Abwärmeausnutzung in angegliedertem Schwimmbad und in
großen Gewächshäusern. So entstand das erste Hallenschwimmbad
Kassels, das "Palmenbad".
Bei der großen
Ausdehnung des Stromverteilungsnetzes und der geringen "Abnahmedichte"
konnte nur Oberleitung in Frage kommen. Diese bot den Vorteil
der leichten Anschluß -
möglichkeit , allerdings auch den Nachteil der Gefährdung
durch Unwetter, namentlich durch umstürzende alte Alleebäume.
Es war geplant, daß sämtliche Petroleumlampen mit Betriebseröffnung
in den Straßen verschwinden sollten. Irgend welche Beiträge
für die Anlagekosten der elektrischen Straßenbeleuchtung
wurden seitens der Kommunen nicht gewährt. Sie zahlten nur
eine bestimmte Unterhaltungsgebühr für jede angeschlossene
und unterhaltene Straßenlampe. Da man aber nicht geneigt
war, größere Aufwendungen wie bisher für die Petroleum
- Straßenbeleuchtung ausgegeben, zu bewilligen, so blieb
mir nichts übrig, als jahrelang einen Teil der Straßenlampen
von Wilhelmshöhe auf eigene Kosten zu unterhalten, um die
Volkstümlichkeit der elektrischen Beleuchtung nicht von vornherein
zu gefährden.
Natürlich
konnte ich die Ausführung meines Planes nicht ohne Genehmigung
von Regierung und Hofmarschallamt in Angriff nehmen, denn die
Leitungen mußten auch durch einen Teil der Wilhelmshöher
Parkwege geführt werden. Im ersten Augenscheinstermin des
Genehmi-
gungsverfahrens, der bei der Wichtigkeit der Angelegenheit von
dem damaligen Regierungs-
präsidenten persönlich wahrgenommen wurde, erhob der
Vertreter der Hofverwaltung schwerste Bedenken, im Hinblick auf
die Singvögel, die ich mit meinem elektrischen Strom, wie
er meinte, töten würde. - Meine Einwendungen, daß
ich mit dem Strom nicht einmal die Vögel des Parks "scheu
machen", geschweige denn verletzen würde, daß
sie sich vielmehr sehr wohl auf meinen Drähten befänden,
halfen zunächst nichts. Zur weiteren Klärung wurde ein
zweiter Augenscheinstermin angesetzt. Vor Beginn der Verhandlungen
im zweiten Termin nahm mich dann der hochbetagte Geheime Hofrat
sofort beiseite und gestand mir, daß er seine Einwen-
dungen fallen lasse, denn sein Sohn (Arzt) habe ihm klar gemacht,
daß seine Bedenken bezüglich der Singvögel nicht
gerechtfertigt wären.
"Liebes Väterchen", hat er gesagt, "so große
Singvögel gibt es im Deutschen Reich nicht, die einen Fuß
auf den positiven und einen Fuß auf den negativen Draht
setzen können. Das ist aber unbedingt nötig, wenn sie
den verhängnisvollen tödlichen Schlag bekommen sollen".
-
Hätte der vernünftige Sohn des ehrwürdigen Geheimrats
seinem Vater die Unmöglichkeit der Gefährdung der Singvögel
nicht in so drastischer Weise klar gemacht, ich glaube, der gute
Herr hätte mich mindestens für das spätere Verschwinden
zahlreicher Nachtigallen verantwortlich gemacht, deren wundervollen
Gesang man zu Ausgang des vorigen Jahrhunderts im Park von Wilhelmshöhe
noch stundenlang lauschen konnte, die dann aber hier, wie an vielen
anderen Plätzen, leider verschwanden.
Welche Schwierigkeiten vor mehr als vier Jahrzehnten bei Errichtung
eines Elektrizitäts -
werkes von der hier in Frage kommenden Ausdehnung zu überwinden
waren, einer Anlage, die in absehbarer Zukunft allen berechtigten
Ansprüchen einer öffentlichen Stromversorgung genügen
und sich wenigstens nach einer Reihe von Jahren als wirtschaftlich
erweisen sollte, davon kann der Fernstehende sich heute keine
Vorstellung mehr machen. Man steckte noch voller Vorurteile. Die
Ueberzeugung, daß die elektrische Stromversorgung für
den neuzeitlichen Kulturmenschen eine der größten Wohltaten
bilde, war derzeit nur bei wenigen vorhanden. Für den einfachen
Mann war das elektrische Licht ausschließlich das "der
reichen Leute". Vor allem fürchtete man erhöhte
Blitzgefahr, während durch die vielen Blitzableiter im Oberleitungsnetz
das Gegenteil der Fall war. Der Domänenpächter z.B.
konnte erst durch lange Verhandlungen mit seiner Behörde
deren Genehmigung zum Anschluß erlangen, jedoch unter der
Bedingung, daß die Installation der Gebäude kostenlos
erfolgte.
Im Hinblick auf Einführung des elektrischen Stromes in der
Landwirtschaft - man bedenke allein die Wohltat und die verminderte
Feuersgefahr durch Fortfall der Stallaterne - mußte ich
mich dem Ansinnen wohl oder übel fügen. Hier mußte
wieder ein Opfer auf Konto "Werbung" gebracht werden.
Jahrelang dauerte es aber noch, bis sich der Elektromotor im Gewerbebetrieb
einführte. Den ersten Motor erhielt 1896 die damalige Dampfstraßenbahn
zum Betrieb ihrer Werkstätten leihweise, den zweiten kurz
danach ein Schreinermeister gegen 4 jährige Teilzahlung.
1897 konnte ich das erste Habichtswalder Bergwerk mit vier Motoren
für Wasserhaltungs- und Förderzwecke sowie mit Glühlampen
für Streckenbeleuchtung anschließen. (M. W. das erste
elektrifizierte Bergwerk unserer Provinz.) 2 weitere Bergwerke
folgten, wobei die Wasserhaltungsmaschinen so durchgebildet wurden,
daß bei einem plötzlichen Wasserdurchbruch - der bei
dem vulkanischen Habichtswalder Gebirge keine Seltenheit - ein
Pumpen auch unter Wasser möglich war.
Nach Verlauf von etwa 7 Jahren hatte sich die Erkenntnis der Vorteile
des elektrischen Stromes für Licht- und Kraftzwecke allgemein
durchgesetzt. Doch glaubte ein Teil der Bevölkerung meines
Versorgungsgebietes für Koch- und Heizzwecke doch noch Gas
zu benötigen und plante zu diesem Zweck die Errichtung einer
kleinen Gasanstalt in der Nähe des Bahnhofs Wilhelmshöhe.
Eine wenig schöne, die Elektrizität bekämpfende
Agitation setzte ein. Das war für mich die unmittelbare Veranlassung,
nun auch die Verwendung des elektrischen Stromes für Koch-
und Heizzwecke, wofür erst verhältnismäßig
wenig Geräte in Anwendung waren, energisch in die Hand zu
nehmen und einen Ausnahmetarif hierfür einzuführen.
Ich war mir aber bald darüber klar, daß zu weitgehender
Einführung elektrischer Küchengeräte ihre vernunftgemäße
(den fiskalischen Gesetzen entsprechende) Handhabung erforderlich
war, nur dann würden die Hausfrauen nicht enttäuscht,
sondern dauernd befriedigende Ergebnisse erzielen. Es mußte
zu diesem Zweck noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden.
Durch die Praxis war der Beweis zu erbringen, daß elektrisches
Kochen nicht nur eine vermeintliche Spielerei der besser situierten
Kreise war. Zogen doch Uebelwollende, die voller Vorurteile waren,
Vergleiche an zwischen dem Preis der Rohkohle und dem des Stromes
je Wärmeeinheit, die zu unmöglichen Ergebnissen führten
und mich als "Phantasten" erscheinen ließen. Man
ließ den Umstand, daß im Küchenherd nur praktisch
wenige Prozent des Kohlenheizwertes für den "Kochprozeß"
nutzbar gemacht werden, daß durch unvollkommene Verbrennung
und in den Abgasen das Meiste verloren geht, während die
elektrische Energie restlos in Wärme umgesetzt wird, ganz
außer Acht und berücksichtigte vor allen Dingen nicht
die Vorteile ständiger Kochbereitschaft, der Zeitersparnis,
Sauberkeit usw.. Die Gegner wollten nicht sehen, daß es
sich hier um "Edelwärme" handelt, die anders zu
bewerten ist, wie die aus Rohkohle nach einer mehr oder weniger
langen Anheizzeit gewonnene. Zahlt man doch auch die im Gas enthaltene
Wärme mit dem vielfachendes Preises der "Kohlenwärme",
aber auch erstere lässt sich nur mit gewissen Verlusten für
Kochzweckenutzbar machen. Auch hier haben wir mit Abgasen und
teils unvollkommener Verbrennung zurechnen.
Ich entschloß
mich daher, in meinem Stromversorgungsgebiet einige der Aufklärung
dienende Vorträge zu halten, die durch praktische Vorführung
der verschiedenen elektrischen Küchengeräte unterstützt
wurden. Um den Vorurteil, daß die elektrische Küche
nur eine "Spielerei Wohlhabender"sei, zu begegnen, legte
ich das größte Gewicht auf einfache Geräte, die
zum allgemeinen Gebrauch geeignet waren. Ich ließ einen
Topf herstellen, der mit einer Werkuhr verbunden, zu gewollter
Zeit sich selbsttätig ein- bzw. ausschaltete. Auf diese Weise
konnte z. B. eine Wartefrau, eine Landarbeiterin pp., die morgens
vor Verlassen ihrer Wohnung sich ein "Durcheinandergekochtes"
vorbereitet hatte, bei ihrer Rückkehr nicht allein das fertige
Essen, sondern auch das nötige warme Aufwaschwasser vorfinden,
denn die Kochdämpfe wurden in einem "Uebertopf"
mit Schwadenfang nutzbar gemacht.
Ich hatte die Genugtuung, daß schließlich gegen 250
Koch- und Heizapparate in meinem Versorgungsgebiet in Gebrauch
waren und daß eine Bürgersfamilie, bestehend aus vier
Köpfen, mit monatlich Mark 5,75 Strom auskam. ( Nur an "Waschtagen"
wurde der Herd angesteckt.) Leider konnte man sich städtischerseits
zunächst bei Uebernahme meines Werkes nicht entschließen,
den von mir für Kochzwecke eingeführten Sondertarif
aufrecht zu erhalten und so wanderten die meisten Kochgeräte
auf die Rumpelkammer. Erst jetzt haben wir erträgliche Stromtarife
für Kochzwecke.
Daß in der ersten Zeit nach Inbetriebnahme meines Werkes
noch manche Kinderkrankheiten zu beheben waren, darf nicht Wunder
nehmen. Die langjährigen Erfahrungen bei Durchbildung elektrischer
Maschinen und Geräte, auf die wir heute zurückblicken,
standen uns damals noch nicht zur Verfügung. Die elektrische
Starkstrom-Technik stand noch im Anfang ihrer Entwicklung. Wollte
man jeweils die neusten Errungenschaften dieser Industrie sich
zu Nutze machen, was stets mein Streben war, so mußte man
sich schon mit "Lehrgeldzahlen" abfinden. Hier nur einige
Beispiele: Die von einer Berliner Großfirma gelieferten
zwei Dynamo-Maschinen entwickelten ein derartiges "Brillant-Feuer"an
den Stromabnahme-Bürsten, daß der Maschinist sich hauptsächlich
mit "Bürstenverstellen" beschäftigen musste.
Eine besondere Beleuchtung des Maschinenhauses erübrigte
sich fast durch das flimmernde magische Licht, das ständig
von diesen Maschinen ausgesandt wurde, -zur Freude der Jugend,
die abends verwundernd vor den Maschinenhausfenstern stand. -
Die Maschinen mußten gegen solche anderer Bauart nach 5
monatlichem Betriebe, ebenso wie die sich als unzuverlässig
erwiesenen Zähler, ausgewechselt werde. - Zur selbsttätigen
Spannungsregelung hatte eine Frankfurter Firma sehr sinnreiche
Apparate geschaffen, die im Kraftwerk und einer 1 ½ km
entfernten Unterstation das Zuschalten je einer weiteren zelle
bewirken sollten, sobald die Spannung um 2 Volt sank. Diese Aufgabe
erfüllten sie oft allzu gründlich, indem sie - "je
nach Laune" - auch mal ein Dutzend Zellen zuschalteten. Die
Launen dieser so schön durchdachten selbsttätigen Spannungsregler
zwangen mich, wieder zur alten Handregelung durch den Maschinisten
überzugehen, dem ich bei einer Unaufmerksamkeit wenigstens
den Standpunkt klarmachen konnte, während diese mit so viel
freudiger Erwartung eingebauten Geräte gegen meinen Unwillen
ob ihrer Unzuverlässigkeit sich völlig unempfindlich
zeigten. -
Herkulesbahn.
Das Fehlen
einer Verkehrseinrichtung zu der im Aufblühen befindlichen
Siedlung Mulang, die von Anwohnern schmerzlich vermißt wurde,
veranlaßte mich 1896 zuerst mit dem Planen einer Linie Bahnhof
Wilhelmshöhe - Mulang als elektrische Adhäsionsbahn
mit späterer Fortsetzung als Zahnradbahn zum Herkules. Spätere
Vermessungen ergaben, daß der Herkules mit für eine
Adhäsionsbahn noch zulässigen Steigerungsverhältnissen
zu erreichen war.
Kurz hiernach erwarben Siemens & Halske die Kasseler Pferdebahn
zwecks Elektrifizierung und Fortsetzung über Bahnhof Wilhelmshöhe
hinaus bis Mulang. Da nunmehr die gute Verbindung der Villenkolonie
mit Kassel gesichert war, konnte für mich nur noch die Fortsetzung
bis Herkules und Bahnhof Wilhelmshöhe - Habichtswald für
Güterbeförderung in Frage kommen. Ich gedachte daher
der Ausführung meines Planes erst wieder näher zu treten,
wenn sich die Bergwerksbetriebe noch weiter belebt hatten.
Anfang 1901 erhielt ich aber von der Regierung die Mitteilung,
daß die belgische Gesellschaft, welche im oberen Druseltale,
südlich der Kohlenstraße, die Kohlenfelder zur Ausbeutung
erworben, eine Drahtseilbahn plane, die durchs Druseltal über
die jetzige Dönche - Kolonie zum Bahnhof Wilhelmshöhe
führen sollte. Da dieser Plan die Ausführung meines
Projektes in Frage stellte, und auch der Regierung die Verschandelung
des Landschaftsbildes durch die Tragböcke einer Drahtseilbahn
höchst unerwünscht war, andererseits die allein für
die Konzessionierung zuständige Behörde, das Oberbergamt
zu Klaustal, die Genehmigung zu erteilen bereit war, so suchte
ich mich auf anraten des Regierungsdezernenten mit der belgischen
Gesellschaft zu verständigen, was mir schließlich auf
Grundlage einer Beteiligung an den meinerseits geplanten Anlagen
für den Güterverkehr gelang.
Leider gerieten die Belgier bald in Finanzschwierigkeiten, so
daß sie den mir gegenüber übernommenen Verpflichtungen
nicht nachkommen konnten. Das Schlimmste aber war, daß auch
ihr Bergwerksbetrieb ins Stocken geriet, und die zur Beförderung
zugesicherten 30 Waggon täglich ausfielen. Durch Elektrifizierung
der Steinbrüche suchte ich später für die ausgefallenen
Gütermengen Ersatz zu finden. Leider kam auch das Königl.
Bergwerk (Roter Stollen), welches an die Bahn anschließen
wollte, infolge eines Brandes, der die Hauptanlagen vernichtete,
auf 14 Jahre zum völligen Stilliegen.
Schicksalsschwer war das zweite Baujahr der Bahn, zugleich das
der Erweiterungsbauten der Kraftzentrale; es brachte viel "Unvorhergesehenes".
Die Güterbeförderung konnte zwar Anfang Mai 1902 aufgenommen
werden, doch mußte für Umladungen am Bahnhof Wilhelmshöhe
eine Provisorium geschaffen werden, weil auf Verlangen der Eisenbahndirektion
die Anschluß-
anlagen viel ausgedehnter wie vorgesehen gestaltet werden sollten.
Eine Anzahl Grundstücke mußten erworben werden, die
langwierige Verhandlungen erforderten, so z.B. mit Aschrott. Die
Eisenbahnverwaltung, die derzeit mit ihren Anlagen am Bahnhof
Wilhelmshöhe sehr beengt war, legte Gewicht auf gelegentliche
Mitbenutzung der Anschlußgleise der Herkulesbahn; so ließ
sie denn auch den Kaiserlichen Sonderzug, der während der
Hofhaltung auf Wilhelmshöhe hier stehen blieb, zeitweilig
auf die Herkulesbahn schieben. Die Strecke Neu-Holland - Herkules,
die nur für den Personenverkehr bestimmt war, der erst April
1903 eröffnet werden sollte, machte erhebliche Unterbauschwierigkeiten.
Zu Beginn der Strecke war ein 8 m hoher Damm auszuführen,
bei dem Einschnitt unterhalb der Endstation bedingte die Beseitigung
mächtiger Felsblöcke Sprengungen; auch war das Ausfüllen
von Bodensenkungen aus früheren Bergbetrieben erforderlich.

Feierliche
Eröffnung der Herkulesbahn 1903 (3.von rechts ist Gustav
Henkel).
Der Betriebseröffnung des Güterverkehrs waren schwierige
Verhandlungen über zulässige Geschwindigkeit vorausgegangen.
"Ihre Bahn ist ein Unikum hinsichtlich Steigungen und Betriebsmittel,
wir haben vergeblich nach einem Vorbild gesucht, daher müssen
wir uns vorsehen", so bemerkte der betreffende Dezernent
als Begründung für die beabsichtigte "Schneckengeschwindigkeit",
bei der die Bahn ein totgeborenes Kind geworden wäre, wie
ich ihm erklärte. Wir einigten uns schließlich auf
die von mir vorgeschlagene Mindestge-
schwindigkeit, die zunächst auf eine halbjährige Probezeit
gelten sollte, bevor sie in der Betriebsordnung verankert wurde.
Sie ist dann auch beibehalten worden.
Die Steigerungsverhältnisse der Bahn von 1 : 12 bedingten
außergewöhnliche Sicherheits-
maßnahmen, die Bauart der Gütermaschinen gestaltete
ich zunächst daher so, daß sowohl die tote wie die
Förderlast als Reibungsgewicht zwischen Schienen und Bandagen
wirksam ist; sie erhielten Drehgestelle und lange Plattformen
mit Quergleisen zur Aufnahme von 6 fahrbaren Behältern von
je 50 Zentnern Inhalt, Führerhaus erhöht in der Mitte
der Maschine (wie Kommandobrücke) mit Sicht des Führers
nach beiden Richtungen über die Güterwagen hinweg. Ein
Wenden bei veränderter Fahrrichtung war nicht erforderlich.
Bremsvorrichtungen: 1. Handbremse, 2. elektrische Kurzschlußbremse,
3. auf sämtlichen Achsen angebrachte elektromagnetische Scheibenbremse,
4. Fallklotzbremse, die in Notfällen sich als Bremsschuhe
vor sämtliche Räder legte.
In den ersten Monaten des Probebetriebes befriedigten Scheibenbremse
wegen zu hoher Erwärmung und Fallklotzbremsen weil sie den
regelrechten Betrieb gefährdete, nicht. Daher wurde schleunigst
der erste Probe-Personenwagen mit elektromagnetischer Schienenbremse
ausgeführt, die zu der Radreifenreibung ein unabhängiges
Bremsorgan (eine zusätzliche Adhäsion) schaffte. Der
Betrieb mit diesem Wagen war einwandfrei, und so wurden vor Eröffnung
des Personenbetriebs auch die übrigen Wagen mit elektromagnetischer
Schienenbremse ausgestattet, und später auch die Gütermaschinen
hiernach umgebaut.
Erst seit
etwa einem Jahrzehnt ist die Bremsfrage in idealer Weise gelöst
durch Einführung der Stromrückgewinnungseinrichtung.
Immer war es für mich wenig befriedigend, daß die ungeheure
Energie während der Talfahrt in "Materialvernichtung"
verloren ging, wodurch Erwärmungen eintraten, die zu einem
Lösen der Bandagen führte. Man bedenke, daß der
Höhenunterschied zwischen Roten Stollen und Bahnhof Wilhelmshöhe
400 m beträgt (fast das siebenfache der St. Martinstürme).
Jetzt sind sämtliche 4 Achsen der Gütermaschinen mit
so starken Motoren ausgestattet, daß sie während der
Talfahrt dauernd als Stromerzeuger geschaltet werden können.
Der gewonnene Strom wird in die Oberleitung zurückgesandt,
hierdurch wird auch einen automatische Regelung der Talfahrtgeschwindigkeit
bewirkt und ferner ein hohes aß von Sicherheit erreicht.
Das Zerreiben von Bandagen und Bremsklötzen, welch letztere
Waggonweise verbraucht wurden, hat aufgehört. Durch diese
erhöhte Sicherheit war es auch möglich, trotz der 8
% Steigung den Betrieb mit Anhängewagen von gleicher Nutzlast
wie auf den Güterwagen befördert wird, anstandslos durchzuführen.
Diese Anhängewagen sind ebenfalls mit elektromagnetischen
Schienenbremsen versehen und ihre "Schubenergie" wird
während der Talfahrt von der Maschine aufgenommen und mit
in elektrische Arbeit umgesetzt. Es bildet somit ein zu Tal fahrender
Güterzug der Herkulesbahn ein "wanderndes Elektrizitätswerk"
Betriebstechnisch überwiegt die erhöhte Sicherheit und
die Ersparnis an Radreifen und Bremsklötzen noch den Vorteil
der 35%igen Stromersparnis. Wir haben hier ferner die bemerkenswerte
Tatsache einer doppelten Ausnutzung der Kohle, erst auf "kaltem
Wege", in dem wir die Senkung ihres Gewichtes aus einer höheren
in eine tiefere Lage in elektrische Energie, und dann erst die
in der Kohle schlummernde "Sonnen- energie" durch den
Verbrennungsprozeß in Strom umwandeln. Aber das nicht allein,
auch das tote Gestein des Druseltales dient während der Talfahrt
der Stromerzeugung. Es wird hier also sogar das Gestein zur Stromerzeugung
benutzt!
Natürlich ist die Einrichtung der betriebssicheren und nach
jeder Richtung befriedigenden Einrichtung der Stromrückgewinnung
nicht von heute auf morgen geschaffen. Schwierigkeiten bereiteten
zum Beispiel die sogenannten Schützen, welche nur solange
eine Verbindung mit der Oberleitung gestatten, als mindestens
die auf der Maschine erzeugte Stromspannung der Oberleitungsspannung
gleich. Schwierig war der Schutz vor Ueberspannung, wenn von anderen
zu Berg fahrenden Wagen kein Strom aus dem Oberleitungsnetz entnommen
wurde. Jahr und Tag hatten wir eine Einrichtung, womit der durch
die Gütermaschinen erzeugte Strom, wenn jeweils keine andere
Verwendung für den erzeugten Strom im Netz vorhanden, dieser
in das Oberleitungsnetz der "Großen Kasseler Straßenbahn"
abgeführt wurde. Aus diesem Grunde hat die Herkulesbahn,
welche im Jahre 1919 Quecksilbergleichrichter für die Umformung
hochgespannten Drehstromes in 600 Volt Gleichstrom, eingeführt,
nun einen Einankerumformer mitlaufen, der den Ueberschußstrom
wieder rückwärts umformt und in das Hochspannungsnetz
zurückschickt.
Der Personenverkehr
konnte am 27.April 1903 aufgenommen werden. Da es die Direktion
der Gr. Kasseler Straßenbahn abgelehnt hatte, meiner Anregung
nachzukommen, die Mulang-Linie bis Palmenbad - den Ausgangspunkt
der Herkulesbahn - zweigleisig auszubauen oder Anhängewagen
bis dorthin mitzuführen, so sah ich mich nunmehr veranlaßt,
den Ausbau der Bahn bis Kirchweg zu betreiben. Volle fünf
Jahre habe ich gegen den Widerstand der Stadt um die Genehmigung
gekämpft. Erst im Sommer 1909 konnte der Betrieb ab Kirchweg
eröffnet werden. Es setzte sofort ein Vielfaches der bisherigen
Personenbeförderung ein.
Die tägliche Beförderungsziffer stieg - vor dem Bau
der Straßenbahnlinie 5 - bis auf
12 000 Personen ( tägliche Höchstleistung im Güterverkehr
rund 110 t). 1911 konnte auch die Zweiglinie bis zur Gartenstadt
Brasselsberg in Betrieb genommen werden. Es war nicht leicht,
den ungemein wechselnden Anforderungen des Ausflugverkehrs zu
entsprechen. Dieser schwankte zwischen 1 und 67 gegen etwa 1 :
5 bei der Straßenbahn. Ich sah mich daher genötigt,
die in den Nebenbetrieben meines Elektrizitätswerkes* beschäftigten
Leute für den Fahrdienst auszubilden und sie in den Hauptverkehrsstunden
an Sonn- und Festtagen der Bahn zur Verfügung zu stellen.
Die Kriegszeit
war sowohl für das Elektrizitätswerk wie auch für
die Bahn ungeheuer schwierig. Bei der Stromzentrale mußte
der Betrieb nicht allein im Interesse der Bahn, von der Kohlenversorgung
Kassels wesentlich abhing, aufrecht erhalten werden, sonder auch
mit Rücksicht auf die öffentliche Beleuchtung, die 3
angeschlossenen Lazarette, die Bergwerk- und die Privatstromversorgung.
Da das ausgebildete Personal immer wieder von der Militärverwaltung
eingezogen wurde, so mußte ich zuletzt den Betrieb mit fachlich
und moralisch minderwertigen Kräften durchführen, die
manches Unheil anrichteten. 3 neue Bergwerke mußten angeschlossen
- und die Linie zum Roten Stollen mit belgischen Gefangenen und
mit Zuchthäuslern gebaut werden.-
Der Vortragende
schilderte nun noch den geradezu dramatischen Verlauf eines schweren
Brandunglücks von der seine Zentrale im Jahre 1902 während
der Hauptbauzeit von Bahn und Werk (neues Maschinenhaus erst im
Rohbau fertig) betroffen und die Maßnahmen, die er zu der
Aufrechterhaltung der öffentlichen Stromversorgung, vor allem
Rettung der angeschlos-
senen Bergwerke, getroffen hatte: Aufstellung zweier Lokomobilen
und einer Umformerein-
richtung, um 600 Volt Straßenbahnstrom in 220 Volt Netzstrom
umzuwandeln.
Hierzu hatte die "Große Kasseler Straßenbahn"
zwei Motore und die Firma Siemens & Halske Dynamomaschinen
bereitwillig zur Verfügung gestellt. Kurz vor Inbetriebnahme,
erhob das Kasseler Elektrizitätswerk Einsprache, man verlangte
zuvor Gestellung einer Kaution von 10 000.-Mark und die Bereitwilligkeitserklärung,
für den zu der Hilfsaktion entnommenen Straßenbahnstrom
den dreifachen Preis des Straßenbahnstromes zu zahlen. Dies
mußte in der Notlage geschehen, obgleich nur für rund
2500.-Mark Strom entnommen wurde, da es gelang, durch Eilwagen
von Osnabrück noch eine große der AEG gehörige
Halblokomobile herbei zu schaffen. Durch diese Opfer war es möglich,
innerhalb einer Woche die uneingeschränkte öffentliche
Stromversorgung wieder herzustellen.
Herr
H. fuhr dann wie folgt fort:
Nun gedachte
ich noch einige Mitteilungen zu machen über die nicht uninteressante,
fast 43jährige Geschichte der Stromwirtschaft der Stadt Kassel,
beginnend mit den 200 PS, die ab Neue Mühle und Meßhaus
verfügbar, mit denen man die Strombedürfnisse Kassels
zu befriedigen gedachte, bis zu den 30 000 PS, die heute im Lossewerk
bereit stehen.
Leider habe ich die mir zur Verfügung stehende Zeit bereits
überschritten, und ich muß mich daher darauf beschränken,
nur einiges über die letzten 2 Jahrzehnte meiner ehrenamtlichen
städtischen Tätigkeit mitzuteilen, während der
ich die Elektrizitätswirtschaft Kassels beeinflussen durfte,
und zwar in meiner Eigenschaft als Stadtverordneter, Magistratsmitglied
und schließlich Beigeordneter und Vorsitzender eines paritätischen
Ausschusses, der für den weiteren Ausbau des Kraftwerkes
und das reibungslose Zusammenarbeiten zwischen staatlichen und
städtischen Werken verantwortlich war.
1. Ich habe mich seinerzeit gegen den Plan des auswärtigen
Sachverständigen gewandt, der in seinem Projekt für
die Feueranlagen im Lossewerk wieder Steinkohle statt unseres
heimischen Brennstoffs vorgesehen hatte.-
2. habe mich auf das entschiedenste gegen die Magistratsvorlage
vom Januar 1913 gewandt, die das Lossewerk auf 50 Jahre in die
Hände einer Aktiengesellschaft unter paritätischer Beteiligung
einer Großfirma legen wollte.
3. Ich habe mich im Einverständnis mit Oberbürgermeister
Dr. Scholz am 27.Februar 1913 in Verhandlungen mit dem zuständigen
Dezernenten im Ministerium, Ministerialdirektor Sympfer, über
die Grundlinien einer Zusammenarbeit zwischen den staatlichen
und städtischen Werken verständigt. Diese zunächst
unverbindlichen Vereinbarungen zwischen Staat und Stadt, gingen
von dem Grundgedanken aus, daß für beide Parteien die
Zusammen-
arbeit von Vorteil sein müsse. Diese Verständigung wurde
seitens des Ministers von Breitenbach bestätigt und bildete
die Grundlage zu den späteren Verträgen zwischen Staat
und Stadt.
4. Ich habe, als in den Jahren 20/21 erhebliche Differenzen über
das Zusammenarbeiten zwischen den staatlichen und städtischen
Werken entstanden, durch mein Eingreifen als Magistratsbevollmächtigter
den drohenden Bruch zwischen Staat und Stadt verhindert und ein
zukünftiges reibungsloses Zusammenarbeiten herbeigeführt.
Zum Schlusse weise ich noch auf folgende Tatsache hin: Der Brennstoffverbrauch
im Lossewerk ist durch ständige Verbesserungen, eine günstigere
Belastung und vorbildliche Betriebsführung auf rund die Hälfte
des früheren Verbrauchs p. Kw. Zurückgegangen, und wenn
hiermit auch noch nicht die letzte Ersparnismöglichkeit erschöpft
ist, -- bei der von mir schon vor Jahren geplanten Vorschaltung
einer Hochdruckanlage, vor die jetzigen Aggregate, ließe
sich der Verbrauch um weitere ca. 30% verringern- so gehört
doch m. E. heute schon das Lossewerk zu den kommunalen Anlagen,
die hinsichtlich Leistungsfähigkeit und Wirtschaftlichkeit
über dem Durchschnitt ähnlicher Werke stehen und es
ist bedauerlich, wenn von unverantwortlicher und schlecht unterrichteter
Seite Aeußerungen in die Presse gebracht - wie dies vor
einigen Jahren geschehen - unter dem Schlagwort "Zusammenbruch
des Kasseler Elektrizitätswerks".
Rückblick
Ich haben
Ihnen einen kurzen Ueberblick über das gegeben, was ich auf
technischem Gebiete in meinem Leben "verbrochen" habe,
soweit es mit unserer Elektrizitätswirtschaft direkt oder
indirekt in Zusammenhang steht. Keineswegs beseelt mich bei der
Rückschau ein stolzes Gefühl, "daß ichs doch
herrlich weit gebracht" - im Gegenteil, es sind Gedanken,
wie sie der christliche Liederdichter Neander mit den Worten zum
Ausdruck bringt: "In wie viel Not hat nicht der gnädige
Gott über Dir Flügel gebreitet". Zahlreiche andere,
die mit gleichem Wagemut, oder wenn Sie wollen, mit gleichem Leichtsinn
sich in große Unternehmungen gestürzt haben, sind "unter
die Räder" gekommen. Der allmächtige Lenker unserer
Geschicke, von dem ich mich in allen Nöten des Lebens nie
verlassen fühlte, hat mich davor bewahrt, trotz allem Schweren,
so z. B. dem Verlust dadurch, daß die Stadt, welche laut
Vertrag den Kaufpreis meines Werkes und Bahnanteil innerhalb 10
Jahren zahlen mußte, in der Inflationszeit, wo Mark gleich
Mark war, kurz vor dem Stichtag ihre Restschuld beglich.
Ich bin als Phantast bezeichnet worden. Vom Standpunkt des "Händlers",
dessen alleiniger Wertmesser das Geldverdienen ist, auch von dem
des sogenannten "Lebenskünstlers", dessen einziger
Daseinszweck ist, sich ein möglichst angenehmes, genußreiches
Leben zu verschaffen, erscheint dies Urteil berechtigt. Leute
meines Schlages sind nur von demjenigen zu verstehen, der sich
in das Fühlen und Denken eines Technikers versetzen kann,
der mit heißem Herzen am Webstuhl technischen Fortschrittes
schafft, den es mit Genugtuung erfüllt, wenn auch er einige
Fäden in das kunstvolle Gewebe technischer Errungenschaften
einfügen durfte. Ein Phantast war ich "als ich 1891
in monatelangen Versuchen die Schmidt'schen Ideen des Arbeitens
mit hoch überhitztem Dampf in die Praxis umsetzen wollte
und später mich sogar von meiner blühenden Firma trennte,
um mich in erhöhtem Maße den Arbeiten meines Freundes
Schmidt widmen zu können. Ein Phantast war ich, als ich den
Bahnbau in die Hand nahm; "der will ohne Zahnstange zum Herkules
fahren", sagte der Spießer, "da muß man
erst sein Leben versichern", und wiederum war ich ein Phantast,
als ich den elektrischen Strom für Koch- und Heizzwecke einführen
wollte.
Heute aber habe ich die Genugtuung, daß das, um was ich
vor einem Menschenalter gerungen habe, sich durchsetzt. Soweit
ich feststellen konnte, sind es 100 000 Haushaltungen in Deutschland,
die heute schon elektrisch kochen. Was mich aber am Abend meines
Lebens am meisten mit Genugtuung erfüllt, ist der Umstand,
daß ich einem der genialsten Erfinder der Neuzeit ein Wegbegleiter
habe sein dürfen, zu einer Zeit, wo er Unterstützung
bedurfte, und daß sein Name und seine Arbeiten, weil ich
ihn nach hier gezogen, für alle Zeiten mit dem Namen Kassel
- Wilhelmshöhe verknüpft ist.
* U. a. Werkstatt für elektrische Heizgeräte
und Sauerstofferzeugungsanlage zur Versorgung des hiesigen Bezirks,
vor allem der Henschel - Werke. Diese Anlage bildete einen gleichmäßigen
Tag- und Nachtstromabnehmer.
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